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2,5
Jahre ist mein letzter Kairo- und Aegyptenbesuch her, diesmal ist es ausschliesslich
eine Woche Kairo.
Andrea Baumann – Shamira – aus St.
Gallen, Tanzkollegin und Inhaberin des Bauchtanzshops,
organisiert eine Tanz- und Kulturreise. 10 Frauen, 12 Tanzstunden, eine
grosse Stadt und ein Tanzlehrer und Fremdenführer: Ashraf
Hassan. Ich lasse in diesem Text Sehenswürdigkeiten und Erlebnisse
aussen vor und schreibe zu einigen Themen, die separat angewählt
werden können. |
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Kairo,
die Stadt
In Kairo
empfängt uns strahlendes und warmes Wetter mit einem leisen Wind.
In der folgenden Woche werden wir aber auch Sandstürme und Regengüsse
erleben. Letztere sind eigentlich eine Seltenheit, und entsprechend
unbeholfen agieren die Autolenkenden auf den nassen Strassen.
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Kairo pulsiert,
tobt, lärmt und lebt wie eh und je. Die Stadt ist seit meinem letzten
Besuch weder ruhiger noch langsamer geworden und ich bin froh darüber.
Irgendwas geht dort ab, das sich stimmungsmässig mit keiner anderen
Grossstadt vergleichen lässt, die ich bisher gesehen habe. Auch nicht
mit Bangkok oder Caracas...
Man hört
Gehupe, Geschrei, Gelächter.
Der Wind trägt allerlei Düfte zu mir und wieder von mir weg.
Mal betörenden Blumenduft, dann Autoabgase, kurz darauf Gewürze
und plötzlich wieder Abfall. Es riecht nach Kairo.
Ich schlendere durch die dünne Schicht Sandstaub vom gestrigen Sturm
und habe das Gefühl, auf weichem Boden statt auf Pflastersteinen
zu gehen.
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Ich sitze in
einem Taxi, und die Sicht aus dem Fenster gleicht der Betrachtung eines
Wimmelbuches für Kinder. Man sieht gleichzeitig 1001 Dinge. Schulmädchen
mit Kopftuch und trendy Outfit (XL-Sonnenbrille, breiter Gürtel über
der rosafarbenen Tunika, darunter Jeans) warten auf den Bus, alte Männer
gestikulieren wild.
Ein Junge zieht mitten in den Autos ungeduldig einen Esel hinter sich
her, Frauen tragen auf einer Schulter rittlings sitzende und schlafende
Kinder und auf dem Kopf ihre Einkäufe. So balancieren sie mit der
ganzen Last durch die vorbei rasenden Automassen.
Zwei Geschäftsmänner in teuer aussehenden Anzügen klopfen
sich auf die Schultern und küssen sich, Velofahrer balancieren riesige
Bretter mit Unmengen Fladenbroten.
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Alle
sind irgendwie in Bewegung, alle scheinen genau in diesem Moment zu leben
und verleihen dadurch ihrem eigentlich banalen Tun einen Ausdruck, der
Alltagshandlungen zu einer Performance werden lässt, die man auch
gerne auf einer Bühne sehen würde.
Der ganz normale Alltag in Kairo, für mich als Fremde ein faszinierendes
Treiben.
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Die Autos drängeln
kreuz und quer, Hupen heisst „Achtung, jetzt komme ich“. Die Fahrenden
rufen sich bei herunter gelassenen Scheiben Wegbeschreibungen zu, zwischen
den fahrenden Autos stehen in winzigen Lücken Leute, alte Frauen,
Männer in wehenden Gewändern, Kinder, die alle blitzschnell
und geschickt von der einen zur anderen Strassenseite gelangen. Sie stoppen
an den richtigen Stellen und gehen forsch weiter, wenn es passt. |
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Ja,
der Verkehr ist die Hölle. Eine Woche Feinstaubinhalation und ab
und zu schon ein bisschen Angst, ob man denn nun wirklich lebendig auf
der anderen Strassenseite ankommt. Hey, wer braucht einen Kick per Bungeejumping
oder Fallschirmsprung, wenn man auch umsonst in Kairo über die Strasse
rennen kann?
Regeln gibt es wenige, viele fahren ohne Führerschein (man kann ihn
je nach Solvenz käuflich erwerben). Bei Ampeln gilt folgende Regel:
bei grün MUSS man, bei rot DARF man fahren.
Kein Auto ohne Beulen. Bei manchen Taxis bin ich erstaunt, dass sie nicht
ganz auseinander fallen. Die Verkehrstotenrate in Aegypten ist eine der
höchsten weltweit.
Dass nicht alle Aegypterinnen und Aegypter dauernd angefahren werden,
hat einen Grund: sie beobachten ganz genau. Diese Gabe ist nicht nur im
Strassenverkehr sinnvoll, auch im sozialen Bereich sind sie uns damit
um Schritte voraus, Das ist meine Empfindung wenn ich den Umgang der Menschen
untereinander beobachte. |
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Bei meinem letzten
Besuch 2004 war ich meist mit meinem Partner unterwegs, diesmal gehe ich
ab und zu alleine los. Ich fühle mich zu jeder Zeit absolut sicher
und aufgehoben, respektvoll und zuvorkommend behandelt. Die Leute, mit
denen ich Kontakt habe, geben sich interessiert, aber nie aufdringlich.
Wichtig sind Kleider mit langen Ärmeln, nicht zu eng, keine tiefen
Ausschnitte, zusammengebundene Haare, kein allzu intensiver Blickkontakt.
Das ist alles.
Mit ganz wenigen Worten Arabisch und einem Lächeln lässt sich
eigentlich alles machen.
Nachfolgend ein paar
Bilder von Sehenswürdigkeiten... |
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Der
Khan El Khalili und seine Waren

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Die goldene Rezeption
des Mena House
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Das Mena House
von aussen
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Mohammed Ali Moschee
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Sultan Hassan Moschee
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...und natürlich
die Pyramiden mit Sphinx
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Die wunderschöne
Derwisch-Show

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Amira
El Kattan, die Designerin
Wie letztes Mal habe ich bereits zuvor mit Amira einen Termin ausgemacht
und ihr meine Kostümwünsche und Ideen gezeichnet und gemailt.
Gleich nach unserer Ankunft im Hotel lasse ich mir Amiras Adresse von
Ashraf in arabischer Schrift aufschreiben und steige in das nächste
Taxi, eine 45- minütige Fahrt quer durch die Stadt ins nördliche
Wohnviertel Mohandessin steht an.
Amira El Kattan ist eine der grossen Tanzkostümdesignerinnen. Sie
hat Modedesign studiert und lange in Amerika Abendmode für die High
Society geschneidert.
Sie soll weit über 65 Jahre alt sein, sowohl die diversen chirurgischen
Eingriffe, über die sie locker plaudert, wie auch ihr temperamentvolles
und etwas verrücktes Wesen machen es mir unmöglich, ihr Alter
einzuschätzen.
Madame Amira hat 400 Angestellte, nur wenige davon arbeiten in ihrem Atelier,
das eigentlich nur als Bruchbude bezeichnet werden kann. Niemand, der
dieses Gebäude betritt, glaubt dort eine solche Pracht an Kostümen
vorzufinden.
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Eine herzliche Begrüssung
und freudiges Wiedersehen mit Amira und einigen ihrer Angestellten gibt
es, gefolgt von einer zweistündigen Diskussion, was denn nun genau
geschneidert werden soll. Stoffe werden gesichtet, Strasssteine und Pailletten
ausgewählt, Amira steckt Röcke an mir ab, Fatma nimmt meine
Masse, alles inklusive meiner Wünsche wird in ein grosses Heft gekritzelt,
dazu werden Stoffmuster geheftet. Ich bin total erschöpft.
Es ist Montag. Ich will drei Tanzkostüme. Freitags und samstags ist
das Atelier geschlossen, Montag früh fliegen wir ab.
Wir vereinbaren, dass ich am Sonntag zu einer Anprobe komme, die Kostüme
danach fertig gestellt und in die Schweiz geschickt werden.
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Als ich am Sonntag,
diesmal mit Andrea, Sibylle und Ashraf im Schlepptau, ins Atelier komme,
ist sie ganz aufgeregt und eröffnet, alle drei Kostüme seien
nun doch fast fertig. Je nachdem, wie viel noch geändert und angepasst
werden müsste, könnte ich sie doch gleich mit nach Hause nehmen.
Meine drei Begleitpersonen machen sich nach einer Stunde wieder auf den
Rückweg, während ich den Nachmittag damit verbringe, in Kostüme
rein- und rauszuschlüpfen, Änderungen zu besprechen und zu schwitzen.
Amira feuert ihre Angestellten an, kontrolliert hier, erklärt da,
hilft und überwacht das Schaffen. Die Stimmung ist heiter, man macht
sich scheinbar einen Sport daraus, mir die fertigen Kostüme in möglichst
kurzer Zeit zu präsentieren, obwohl ich betone, dass es für
mich in Ordnung ist, wenn sie nachgeschickt würden.
Ich mache einen Spaziergang im Quartier. Als ich zurück komme, ist
alles nahezu fertig.
Ein Beweis, dass Amira sehr kreativ und hingebungsvoll arbeitet ist der
Perlenstrang, der beim roten Kostüm unterhalb der linken Brust verläuft.
Ich habe mir den gewünscht, habe aber nichts zu den Materialien gesagt.
Madame Amira hat eine fixe Idee von roten Perlen im Kopf, aber keine solchen
im Haus. Als sie sieht, dass ihr Schlüsselanhänger ähnliche
Perlen enthält, macht sie diesen kurzerhand kaputt. So wird Amiras
Schlüsselanhänger in mein Kostüm verarbeitet.

Ich finde das ein wenig verrückt, aber so ist sie...
Letzten Endes bleiben drei wunderschöne Kostüme, die mir buchstäblich
auf den Leib geschneidert wurden. Fotos
dazu hier.
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Ashraf
Hassan, der Tanzlehrer

Ashraf unterrichtet nicht nur Tanz, er macht während unseres Aufenthaltes
weit mehr, vom Abholen am Flughafen bis zur Rundumbetreuung bei Ausflügen.
Ein Aegypter, der mit bayerischem Dialekt Deutsch spricht, ist schon an
und für sich recht lustig, Ashraf als Mensch ist ebenfalls eine gutmütige
Frohnatur.
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Ashraf seriös...
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...und in Blödelstimmung
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Ashraf ist ausgebildeter Balletttänzer. Er hat 17 Jahre in München
gelebt und unter Anderem einige Jahre im Nationaltheater getanzt.
In Aegypten hat er immer wieder Folkloretänzerinnen- und Tänzer
unterrichtet und kam so von Ballett über Aegyptische Folklore zum
„Bauchtanz“.
Er hat seinen ganz eigenen Stil. Kleine aber bedeutende Akzente zum
Beispiel, oder die anmutige Arm- und Handhaltung, die mir weniger raumgreifend
und dennoch elegant und präsent scheint.

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Hey, spannend, wir absolvieren
unser erstes Training im Tanzraum der bekannten Kairoer Tänzerin
Randa Kamel. Am ersten Tag kommen wir dort etwas ratlos an. Ein winziger
Raum in einem Keller, unebener Boden, schlechte Luft, ein Spiegel, in
dem man nicht viel sieht, dafür ganz viele grosse Lautsprecherboxen...

Foto:Andrea
Baumann
Nach drei Stunden entscheiden wir, den Rest der Woche in Ashrafs Wohnzimmer
zu tanzen, welches weit grösser und luftiger ist. In Kairo auf die
Schnelle einen Tanzraum aufzutreiben ist fast unmöglich.

Ich bin positiv überrascht
von Ashrafs Unterricht, speziell davon, wie genau und gut er Bewegungen
erklärt (bei orientalischen Dozenten keine Selbstverständlichkeit,
herrscht doch bei vielen die „ich-mach`-was-vor-und-ihr-macht-es-nach-Didaktik“).
Zudem korrigiert er jede einzelne Schülerin. Ashraf: “Es tut mir
leid, aber ich habe so empfindliche Augen, die sehen immer alles.“ Stimmt.
In Deutschland, Italien und Spanien gibt Ashraf regelmässig Workshops.
Ich denke, in einigen Jahren wird er auch den Schweizer Tänzerinnen
ein Begriff sein.
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Nile
Festival, dieTanzshow
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Kleiner Kostümbasar
am Festival
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Sahar Okasha Kostüme
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Am
letzten Abend in Kairo lädt uns Magdy
El Leisy an den Abschlussabend des Nile
Festivals ein.
Erfreulicherweise ist auch Tito - der aegyptische Startänzer – da.
Im Publikum statt auf der Bühne, aber das hält ihn nicht vom
Tanzen ab. Sowieso erleben wir eine typische Party auf aegyptisch: Essen
gibt es erst um 23.00, das Orchester spielt so laut, dass sich alle Gäste
Taschentücher in die Ohren stopfen.
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Party
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Tito...
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...in Action
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Die Stimmung ist ausgelassen, die Tänzerinnen irritieren uns brave
Schweizerinnen in Sachen Kostümschnitte...
Selten sind die Beine bedeckt, im Brustbereich wird so viel gepusht, dass
ein alltäglicher Schultershimmy nicht mehr möglich ist. Viel
Haut, aber hey, sie tragen das obligatorische Bauchnetz, dann ist ja alles
in Ordnung. Und es findet auch niemand seltsam, wenn eine Tänzerin
im Fetzenminikleid mit Schienbeinschonern aus Fell auftaucht.
Die drei Tänzerinnen des Abends sind Nana, Fatima und Hanady, alles
Aegypterinnen, die regelmässig in Kairo tanzen.
Tänzerisch gefallen mir alle drei.
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Nana |
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Fatimas Kostümwahl und ihr Makeup finde ich zwar so grauenvoll, dass
ich mich nicht wirklich auf ihren Tanz konzentrieren kann. Bei allen drei
Tänzerinnen kann man einige Dina-Elemente ausmachen, sie wird scheinbar
immer noch gerne kopiert. Bei Hanady fällt dies vor allem beim Gesichtsausdruck
auf. |
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Fatima |
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Hanady |
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Ein marokanischer
Tänzer vergnügt sich mit Magdy El Leisy
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Wir gehen, bevor die Show zu Ende ist, weil wir um 1.00 im Gegensatz zu
den Musikern und Tänzerinnen erschöpft sind.
Eine Woche lang in einer vollkommen anderen Welt, mit zu wenig Schlaf
zwar, dafür mit vielen Erlebnissen und Eindrücken, die über
das Schlafmanco hinweg trösten.
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Text
& Fotos: Erini

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